Mein Abbruch

Ich habe die Entscheidung getroffen meinen Freiwilligendienst Ende Januar nach einem halben Jahr abzubrechen. Nachfolgend habe ich versucht die wichtigsten Gründe verständlich zu machen. Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass es sich hier um meine gewonnenen Ansichten handelt und nicht um allgemeingültige Aussagen!

Theoretisch eine super Idee Freiwilligendienst in Afrika klingt nach einer tollen Sache. Leben in einer Gastfamilie und Arbeiten in einem Projekt, normalerweise mit sozialem Hintergrund. Viel besser kann man die fremde Kultur wahrscheinlich nicht kennenlernen und wo, wenn nicht auf dem ärmsten Kontinent der Welt können junge, motivierte Arbeitskräfte aus dem Ausland gebraucht werden? Und so glaubte Ich nach meinem abgeschlossenen Abitur meine, zugegebenermaßen noch idealistischen Wünsche und Ziele hier erfüllen zu können. Das erste Mal im Leben sozial arbeiten, eben eine fremde Kultur kennenlernen, dem Leben im Überfluß bewußt eine Pause gönnen und ausgebeuteten Menschen helfen, die nicht das Glück hatten im Wohlstand geboren zu werden. Das Wichtigste: Dieses Jahr sollte nicht für mich sein, sondern für Menschen die unter dem Unfaßbaren leiden, von dem ich so oft in Zeitungen und Fernsehberichten gehört hatte. Dass Ich selbst dabei auch sehr viel lernen würde, war natürlich beabsichtigter Nebeneffekt.

Drei verschiedene Arten des Freiwilligendienst
Es gibt unterschiedliche Freiwilligendienste, die Ich hier grob in drei Kategorien aufteilen möchte. Die vollkommen selbstfinanzierten, hier kann man den Zeitraum selbst wählen, den Freiwilligendienst als Ersatz für den Zivildienst und das staatliche Programm „weltwärts“. Die Letzteren sind zum Teil fremdfinanziert und gehen über ein Jahr. Die Restkosten werden von einem so genannten Förderkreis getragen. Dieser besteht oftmals aus Familienmitgliedern, kann aber aus jedem bestehen, der den Freiwilligen für Förderungswürdig hält (z.B. Firmen, Schulen…). Fremdfinanziert heißt bei „weltwärts“ Mittel aus dem deutschen Entwicklungshilfetopf. Ich entschied mich für die erstgenannte Variante und dem Zeitraum von einem Jahr. Das Programm „weltwärts“ war zwar attraktiv, doch erschienen mir die Aufnahmebedingungen als zu streng für mich, vor allem da ich bis jetzt noch keine Referenzen irgendeiner Arbeit mit auch nur entfernt sozialem Bezug aufweisen konnte.

Anfangsprobleme
Schon in den ersten Wochen in Togo störten mich die ersten Unregelmäßigkeiten. Zum Einen die desillusionierende Erkenntnis, daß soziale Arbeit in NGO’s hier nur ein lohnendes Geschäftsmodell ist und wohl in den seltendsten Fällen aus ehrlicher Helfermentalität entsteht. Zum anderen unsere Arbeit im Ferienkurs für Schulkinder. Zwischen 11-14 Freiwillige mußten hier zwangsweise mitarbeiten, auch die deren eigentliches Projekt von den Schulferien gar nicht betroffen war. Auch die, die in ihrer Bewerbung ausdrücklich angegeben hatten in ihrem, wohlgemerkt selbstfinanzierten, Freiwilligendienst nicht unterrichten zu wollen. Abgesehen davon, daß es für diesen Kurs genug Lehrkräfte gab, mußten wir auch alle zusammen im, nicht mehr betriebenen, Waisenhaus unserer Organisation CDH (Campagne Des Hommes) wohnen. Wenn man bedenkt, daß die Gastfamilien für jeden Freiwilligen ca. 110-120€/Monat für Unterkunft und Verpflegung erhalten, merkt man, daß hier in sechs Wochen eine erhebliche Summe für die Organisation zusammenkam. Zu der Tatsache, daß der Betrag sowieso zu hoch angesetzt ist, kommt, daß unsere Unterkunft hier ja sowieso kostenlos war und auch die Verpflegung hielt sich in Grenzen.

Die Gastfamilien und die Gefahr der Abhängigkeit
Hier kommen wir schon zu einem weiteren Problem. 110€ im Monat sind hier sehr viel Geld. Weit mehr als benötigt um einen Freiwilligen hier mehr als gut zu versorgen. Damit wird die Entwicklung unterstützt, daß die Gastfamilien an den Volontären verdienen, und zwar soviel, daß sie ihren Lebensstandard erhöhen können. Oder andere Fehlentwicklungen in ihrem finanziellen Leben ausgleichen können. Das manövriert die Familien in eine, meiner Meinung nach gefährliche Abhängigkeit, von den Freiwilligen. Was passiert wenn keine mehr kommen? Oder die Organisation sich eine neue Familie aussucht? Natürlich sollen die Familien an den Freiwilligen verdienen, aber doch nicht in dem Ausmaß, daß sie ohne sie Probleme bekommen.Hinzu kommt: Geht ein Freiwilliger auf Reisen, wird der Familie für diesen Zeitraum das Geld gestrichen. Da es aber bezahlt ist, erhält es logischerweise an die Organisation. Gehen also zwei Freiwillige für zwei Wochen reisen, sind das wieder 110-120€. Da kann reisen zur Gewissenfrage werden, denn die Freiwilligen sind mit der Familie und ihren Problemen verbunden.

Sinnlose Arbeit im Projekt
Zurück zu meinem Aufenthalt. Ein weiteres Problem war für mich schon zu Beginn die mangelnde Kommunikation zwischen der deutschen und togolesischen Organisation. Beispiel hierfür ist mein Französischkurs. Im Vorfeld sinnigerweise für den Anfang und den Zeitraum von vier Wochen gebucht, wußte in Togo niemand etwas davon. Nur nach mehrmaligem Nachfragen wurden mir zwei Wochen Kurs gewährt, sechs Wochen nach meiner Ankunft.
Noch störten mich diese Probleme nicht zu sehr, in diesen ersten sechs Wochen war ich gut damit beschäftigt mich einzuleben und motiviert davon, bald endlich in meinem eigentlichen Projekt arbeiten zu können. Trotzdem gab es bei mir schon die ersten Frustrationserscheinungen. Im Vorfeld wurde ich nur darüber informiert, daß ich im „Bereich Sport“ arbeiten würde. Deutlicher Hinweis darauf, wie gut Experiment e. V. die Projekte in Togo kennen muss. Als ich schließlich erfuhr, daß ich als Sportlehrer in einem Collège (vergleichbar mit deutscher Gesamtschule, von 6.-10. Klasse) arbeiten würde, war ich motiviert und stellte den Sinn nicht in Frage. Inzwischen bin Ich mir sicher, daß zu den Letzten Sachen, die an einer afrikanischen Schule gebraucht werden, wohl ein Sportlehrer gehört. Den Kindern hier mangelt es durch die schon frühe Einbindung in den körperlich fordenden Arbeitsalltag sicherlich in an Bewegung oder sportlicher Betätigung. Natürlich werden durch den Sportunterricht auch andere Werte vermittelt, sind diese aber nicht angesichts einer Bevölkerung, die in großen Teilen kein Englisch und schlecht Französisch spricht, nicht zu vernachlässigen? Ganz abgesehen davon, daß solche Werte auf Grund der Klassenstärken und Unterrichtsmethoden sowieso zu kurz kommen.

Enttäuschte Erwartungen
Das ist nicht die Arbeit wie ich sie mir vorgestellt hatte und meiner Anfangs erwähnten Motivation gerecht wird. Es fehlt für mich vollkommen der entwicklungspolitische Hintergrund, ich habe nicht das Gefühl hier bei etwas zu helfen. Natürlich können wir hier nicht die Welt verändern und uns wurde auch oft genug gesagt, daß wir keine Entwicklungshelfer sind. Trotzdem haben die meisten NGO’s und Projekte automatisch einen entwicklungspolitischen Hintergrund. Ziel ist ja meist etwas an den schlechten Verhältnissen im Land zu ändern. Auch die Bezeichnung für die Arbeit der „weltwärts“-Freiwilligen „entwicklungspolitischer Freiwilliendienst“ deutet darauf hin. Zumal die ja auch von Entwicklungshilfegeldern finanziert sind. Sollten also nicht dementsprechend die Projekte für die Freiwilligen aussehen? Zumindest entsprach das meiner Erwartungshaltung. Aussdem gibt es an meiner Schule einen Sportlehrer. Ich werde nicht gebraucht, ob ich nun Initiative ergreife oder nicht, das ändert nichts. Es kann sogar störend für ihn sein. So ist er nämlich meine Fragen ausgesetzt, warum er z.B. nicht nach Leistung bewertet, sondern nur dem Durchschnitt gerecht werden will. Dabei geht es natürlich um Gelder, welche die Schule nur bekommt, wenn sie ein bestimmtes Notenbild abliefert. Diese Umstände führten schnell zu weiterer Frustration bei mir, unterstützt von meinen Arbeitszeiten. Ich arbeite 11 Stunden in der Woche. Im Schnitt also gut zwei Stunden am Tag, danach habe ich Freizeit. Das ist keine Arbeit, das ist Urlaub. Zu denken gibt, daß eine solche Arbeit als Zivildienst anerkannt wird und nach Wunsch unseres Chefs bald auch „weltwärts“-Freiwillige beschäftigen soll.

Unterfordert, überfordert
Leider ist mein Projekt kein Einzelfall, daß Problem sich nutzlos vorzukommen kennt ein großer Teil der Freiwilligen. Es schein zwei Extreme zu geben. Eben diese Nutzlosigkeit oder vollkommen Überforderung. Man darf nicht vergessen, daß es sich bei den meisten Freiwilligen um frische Abiturienten/-innen ohne Ausbildung handelt. Wo liegen die Ursachen für diese Probleme?

Einige Grundprobleme
Zum einen an der schon erwähnten mangelnden Kommunikation. In Deutschland weiß wohl niemand so genau, welche Projekte es eigentlich gibt, geschweige denn wie die Arbeit dort aussieht. Es reicht auch nicht für ein Wochenende nach Togo zu Reisen, sich die Projekte anzusehen und dann Volontäre dorthin zu versenden. Die Probleme und eventuellen Folgeschäden werden erst auf längere Zeit sichtbar und es erfordert viel Engagement und Durchblick ein Projekt wirklich bewerten zu können. Auf den ersten Blick erscheint hier alles wunderbar und sinnvoll und leider macht es nicht den Eindruck als hätte sich ein Verantwortlicher bemüht darüber hinauszugehen. Wieso auch? Das Freiwilligengeschäft boomt immer weiter und es scheint allen Partnern so gut dabei zu gehen, daß keiner auf Änderung aus ist. Weiterhin sind die Auswahlverfahren äußerst fragwürdig. Hier sei noch mal explizit darauf hingewiesen, daß es sich natürlich um eine äußerst subjektive Beobachtung handelt. Es scheint aber, daß jeder der möchte und genügend Geld aufbringt eine Organisation finden kann, die ihn entsendet. Das halte ich gerade auch im Hinblick auf das Programm „weltwärts“ für verantwortungslos, äußerst leichtsinnig und nicht zuletzt gefährlich. Ein Freiwilligendienst in einem Entwicklungsland erfordert dringend ein hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein, Reife und Motivation. Es kann nicht sein; daß auf deutsch gesagt, jeder Idiot versendet wird. Ich glaube, die wenigsten Steuerzahlen wollen; daß Entwicklungshilfegelder für partywütige Jugendliche in den afrikanischen Hauptstädten ausgegeben wird. So wird das gesamte Programm ad absurdum geführt. Und auch hier erweckt es wieder dein Eindruck als wäre ein Geschäft am Laufen, das für alle Seiten gut funktioniert. Es ist nämlich gar nicht so einfach das viele Entwicklungshilfegeld sinnvoll zu investieren und so freut sich sicherlich auch der Staat darüber, einen Teil in dem prestigeträchtigen „weltwärts“-Programm versenken zu können.
Gefragt wären mehr Organisationen, die ihre Bewerber tatsächlich auf ihre Eignung hin überprüfen, Projekte suchen in denen junge Menschen mit diesem Erfahrungsstand sinnvoll arbeiten können und diese Jugendlichen nach ihren Wünschen und Fähigkeiten entsenden. Das wäre sehr viel Aufwand, aber das Leben und Arbeiten in einem Entwicklungsland erfordert nun mal Eignung, die nicht jeder abenteuerlustige Jugendliche aufbringt.

Will ich diese Strukturen unterstützen?
Noch mehr beschäftigt und letztendlich zum Abbruch bewogen haben mich aber grundsätzlichere Zweifel an dem Sinn des Freiwilligendienstes und meines Einsatzes. Der Gedanke ist eng verbunden mit der Kritik an Entwicklungshilfe im Allgemeinen. Kurz gesagt scheint sich Afrika in einem Teufelskreis aus Ausbeutung, Abhängigkeiten und Selbstmitleid zu befinden. Sehr passend finde ich hier das Bild des Drogenabhängigen Afrika, welches glaubt ohne seinen Stoff „Hilfsgelder“ nicht mehr auskommen zu können. Afrika wurde durch die Sklaverei und die Kolonisation in der Geschichte benachteiligt und die westlichen Länder haben hier eine ordentliche Portion Schuld auf sich geladen. Trotzdem ist doch deutlich sichtbar, daß diese Länder wenig daraus gelernt haben und den Kontinent weiterhin ausbeuten. Den Glauben auf einen Einsicht dieser Länder und eine ehrliche Wiedergutmachung durch Hilfsgelder halte ich inzwischen für idealistisch und naiv. Die Entwicklungshilfe ist in großen Teilen eine Farce und richtet oft mehr Schaden an, als zu Helfen. Was bleibt Afrika also anderes übrig sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Das wäre anfangs natürlich wahnsinnig schwierig, genauso wie eben der Entzug eines Drogensüchtigen. Aber ist es nicht letztendlich der bessere Weg, sogar die einzige wirklich sinnvolle Lösung? Dies ist nur ein sehr grober Abriß der hochkomplizierten Problematik und soll lediglich meinen Gedankengang zum Freiwilligendienst veranschaulichen. Ich habe leider den Eindruck, daß mein Einsatz hier dieses Bild weiter unterstützt: Afrika braucht die Hilfe und das Geld der Weisen um sich zu entwickeln und so aus seiner Lage zu befreien. Besonders zynisch finde Ich: Es sind unausgebildete, blutjunge Weise, die sogar noch Geld zahlen um hierherzukommen. Leider habe ich nicht den Eindruck, daß unser höchstes Ziel, nämlich der interkulturelle Austausch auch bei der Mehrzahl der Einheimischen hier ankommt. Ich kann leider die oft spürbare Abneigung der Togolesen mir gegenüber sehr gut nachvollziehen. Viel schlimmer ist aber noch die oft übertriebene Behandlung als Heilsbringer und Erretter für alle Probleme.
Diese Problematik beschäftigt mich fast seit Beginn und ich bin leider nicht zu der Überzeugung gekommen, daß mein guter Wille meinen Aufenthalt hier rechtfertigt. Ich habe das Gefühl eine Struktur zu unterstützen, die in die vollkommen falsche Richtung geht. Wieso sollten wir auch etwas verändern, wo es doch zahllose Jungendliche und Erwachsene hier gibt, die nichts zutun und keine Perspektive haben? Das Potential ist an sich riesig, leider scheint es noch nicht das nötige Bewußtsein dafür zu geben. Lieber wird vermittelt, daß jedes eigene Engagement sinnlos ist, deshalb kommen ja auch die Freiwilligen aus Europa. Wie würde ich mich fühlen, wenn man mir ständig vermitteln würde ich könnte nichts selbst erreichen und brauche immer fremde Hilfe? Ich fühle mich, als würde ich mich in eine Angelegenheit einmischen, die mich eigentlich nichts angeht. Und ich mag keine Naseweise die immer glauben alles besser zu können und sich so überall einmischen. Ich selbst habe natürlich wahnsinnig viel gelernt in diesem halben Jahr. Noch ein weiteres halbes Jahr kann ich das aber nicht mit mir vereinbaren.

Es könnte doch funktionieren
Trotz allem halte ich das Modell Freiwilligendienst nicht für hoffnungslos. Würden alle Seiten verantwortungsvoller und mit ehrlicher Motivation arbeiten, gäbe es wohl viel weniger Freiwillige, die in sinnvollen Projekten arbeiten würden. Und so vielleicht auch die richtigen Signale senden könnten.

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  1. Johannes’s avatar

    Wieder was gelernt!

  2. philipp’s avatar

    Wuhuuuui Brüderchen is coming back. Also mal abgesehen von der Problematik der ganzen Situation find ichs cool, dass du wiederkommst. Glaub die Marie und die Klara freuen sich auch ziemlich.
    Na dann sag ich mal: Bis bald

    HarHar

  3. melanie’s avatar

    krasser blockeintrag. ich kann einfach nur zustimmen, du sagst es einfach. ich finde die thematik\Problematik ist auch in dem kurzen Eintrag soweit relativ gut rueber gekommen.
    wir hoern uns….

  4. Spit-TV.de’s avatar

    Sehr interessant.
    Eine gute Rückreise und Rückkehr in den deutschen Alltag!

    Grüße